مولانا در بازار کَکفروشی
دوباره برگهای از دفتر تازهام را کندم. این، ششمین برگه بود. دفتر هشتادبرگ نویی که حالا دیگر «نو»…
راوی یک سالونیمه بود که مادر و مادربزرگش مجبور شدند خانه را بگذارند و با او و نوزاد تازهمتولدشده راه بیفتند. این متن، دستنوشتهٔ خود اوست از دو سالی که بعد گذشت.
Von Rosemarie Hees. Wörtliche Abschrift des handschriftlichen Originals — Schreibweise, Zeichensetzung und Datierung des Manuskripts sind unverändert übernommen.
Meine Mutter und meine Großmutter müssen ihren Heimatort „Langenbielau“ (Schlesien) verlassen. Die deutsche Wehrmacht will in der Nähe die heranrückende polnische Armee aufhalten. Mein Großvater muß dableiben, er soll auch kämpfen. Er will außerdem seine eigene Schlosserei und unser Haus bewachen.
Mitte Dezember 1944 ist meine Schwester Brigitte auf die Welt gekommen; ich bin 1½ Jahre alt. Unser Vater, ein Frontsoldat, ist zu dieser Zeit vermißt. Ist er tot oder in Gefangenschaft geraten? Meine Mutter weiß es nicht.
Wir machen uns auf den Weg in’s Ungewisse. Wir haben wenig Gepäck. Das Baby liegt im Kinderwagen, obendrauf liegt ein Koffer, Mutter und Großmutter tragen Rucksäcke. Andere Menschen aus der Umgebung kommen hinzu. Die Gruppe wird begleitet von deutschen Soldaten. Es heißt, es geht in den „Westen“. Ein Teil des Weges können sie mit der Eisenbahn fahren, dann müssen sie zu Fuß weiter.
Es ist ein besonders kalter Winter. Das mitgenommene Essen ist schnell aufgebraucht, es gibt bald nichts mehr zu trinken. Menschen bleiben tot am Straßenrand liegen. Am meisten leiden die Kinder. Eine Frau schenkt meiner Mutter etwas Milch. Ich hatte da bereits schmutziges Wasser aus einem Teich getrunken. Das Baby Brigitte war sehr schwach und konnte nur wenige Tropfen schlucken; aber die genügten wohl, es am Leben zu halten.
Mai 1947: [so im Manuskript; gemeint ist offenkundig Mai 1945]
Der Krieg ist vorbei. Die Gruppe erreicht nun Tschechien. Die deutschen Soldaten fliehen vor der Rache der tschechischen Bevölkerung, die sehr unter den Nazis gelitten hatte. Die Tschechen rächen sich an den Vertriebenen. Es wird geprügelt, vergewaltigt, gemordet. Wir überleben und werden in der Nähe von „Marienbad“ in ein Arbeitslager gesperrt.
Die Frauen müssen schwer arbeiten, schleppen Baumstämme. Zum Glück dürfen sie mit den Kindern zusammenbleiben; die Aufseherin ist kinderfreundlich und steckt meiner Mutter heimlich Essen für uns zu. Es gibt wenig zu essen. Krankheiten breiten sich aus, viele Menschen sterben. Meine Mutter erkrankt an Typhus. Die Aufseherin, die keine Kinder bekommen kann, überredet meine Mutter, ihr das Baby Brigitte zu schenken. Meine Mutter, die glaubt, nicht mehr lange zu leben, überläßt ihr das Kind.
Die amerikanische Armee befreit das Lager. Meine Mutter kann ihr Baby zurückholen. Die russische Armee ist da, die Amerikaner übergeben den Russen das Lager. Meine Mutter ist bis auf die Knochen abgemagert. Es ist ihr Glück, denn die Gesunden werden sofort nach Sibirien geschickt. Die anderen werden nach „Magdeburg“ evakuiert, die Kranken dürfen nicht mit. Meine Mutter schafft es aufrecht an der Kontrolle vorbeizukommen, da meine Großmutter ihr einen Schirm in den Rücken bohrt. Wir verlassen das Lager.
Eine Magdeburger Familie wird von den russischen Besatzern gezwungen, uns aufzunehmen. Zu essen gibt es wenig, wir werden nicht sehr freundlich behandelt. Der Hund der Familie bekommt zu unserem Glück oft viel zu viel zu fressen. Was er verweigert, das wird uns angeboten. Die beiden Frauen empfinden dies als Demütigung, nehmen es aber an, weil meine Schwester und ich es gerne essen.
Unser Großvater, zurückgeblieben in der Heimat, muß nicht mehr kämpfen, wird aber gezwungen, seine Schlosserei und sein Haus einem Polen zu überlassen. Mein Großvater bietet ihm an, den Betrieb mit ihm gemeinsam zu führen. Der Pole lehnt ab.
Also schließt sich mein Großvater einer Gruppe von Vertriebenen an und landet in einem großen Sammellager in der Nähe von Köln. Über den „Suchdienst vom Roten Kreuz“ erfährt er unseren Aufenthaltsort in Magdeburg. Er macht sich auf den Weg zu uns. Bei uns angekommen, erfährt er, daß meine Mutter inzwischen erfahren hat, ebenfalls über den „Suchdienst“: Ihr Mann wurde verwundet und liegt in einem Lazarett in Augsburg. Er hat eine Kölner Adresse angegeben. Dort sollen wir uns alle treffen. Die russische Besatzungsmacht gibt uns Papiere für ein Sammellager, ungefähr 2 Stunden entfernt von Köln. Die Stadt will keine Vertriebenen mehr aufnehmen.
Wir machen uns auf den Weg. Wir haben Glück, der Zug hält in Köln. Wir steigen aus. Der Großvater läuft zu der angegebenen Adresse. Mein Vater ist dort und holt uns mit einem Lastwagen vom Bahnhof ab. Wir fahren in unser neues Zuhause. Mein Vater hatte Arbeit und Wohnung in der Spedition eines Kriegskameraden gefunden. Da wir keine Papiere für Köln bekommen haben sind wir alle „illegal“ in Köln, außer meinem Vater.
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